Ein Gin Tasting wird dann spannend, wenn nicht möglichst viele Flaschen auf dem Tisch stehen, sondern jede Sorte ihren eigenen Auftritt bekommt. Ich zeige dir, wie du eine Verkostung zu Hause planst, welche Gläser und Hilfsmittel wirklich nötig sind, in welcher Reihenfolge probiert wird und warum Gin zunächst pur und erst danach mit Tonic ins Glas kommt.
Die wichtigsten Grundlagen für eine gelungene Gin-Verkostung
- Vier bis sechs Gins reichen für einen abwechslungsreichen Abend völlig aus.
- Die Reihenfolge führt am besten von mild und klassisch zu intensiv und würzig.
- Pro Probe genügen etwa 1 bis 2 cl, damit Nase und Gaumen nicht zu schnell ermüden.
- Ein bauchiges Nosing-Glas, stilles Wasser und neutrale Snacks gehören zur Grundausstattung.
- Jeder Gin wird zuerst pur und anschließend mit einem passenden Tonic verkostet.

Was eine gute Gin-Verkostung wirklich ausmacht
Eine Verkostung ist kein Wettbewerb darum, wer die teuerste Flasche erkennt. Sie soll zeigen, wie unterschiedlich Gin schmecken kann und welche Rolle Wacholder, Zitrusfrüchte, Kräuter, Gewürze und florale Botanicals spielen. Gerade Einsteiger merken dabei schnell, dass ein Gin nicht einfach nur „nach Gin“ schmeckt.
Ich empfehle, den Abend auf vier bis sechs Sorten zu begrenzen. Mehr als sieben Proben wirken zunächst großzügig, führen aber oft dazu, dass die feinen Unterschiede verschwimmen. Für vier Personen reichen bei fünf Gins jeweils etwa 1 bis 2 cl pro Sorte vollkommen aus.
Plane für den eigentlichen Vergleich ungefähr 90 Minuten ein. So bleibt genug Zeit zum Riechen, Probieren, Notieren und für kurze Gespräche, ohne dass die Runde in eine gewöhnliche Trinkrunde kippt.
Die passenden Gins auswählen und richtig anordnen
Eine gute Auswahl braucht einen roten Faden. Ich stelle nicht einfach fünf bekannte Marken nebeneinander, sondern kombiniere unterschiedliche Stilrichtungen. So wird aus einzelnen Proben ein verständlicher Vergleich.
| Reihenfolge | Stil | Was dabei auffällt |
|---|---|---|
| 1 | Klassischer Dry Gin | Wacholder, trockene Kräuter und klare Struktur |
| 2 | Zitrusbetonter Gin | Frische von Zitrone, Limette oder Orange |
| 3 | Floraler Gin | Blüten, weiche Gewürze und manchmal leichte Süße |
| 4 | Fruchtiger oder mediterraner Gin | Beeren, Kräuter und wärmere Aromatik |
| 5 | Würziger, fassgereifter oder Navy-Strength-Gin | Mehr Alkohol, Holz, Pfeffer und lange Nachwirkung |
Die Grundregel lautet von leicht nach kräftig. Ein intensiver, fassgereifter Gin kann einen milden Vertreter danach beinahe blass wirken lassen. Fassgereifte Sorten oder Gins mit mehr als etwa 50 Volumenprozent Alkohol gehören deshalb meist ans Ende.
Für eine Blindverkostung kannst du die Flaschen mit Nummern versehen und die Proben in identische Gläser schenken. Das nimmt bekannten Etiketten den Einfluss und zeigt manchmal überraschend deutlich, dass der persönliche Geschmack nicht automatisch dem Preis folgt.
Diese Ausstattung brauchst du zu Hause
Du musst keine komplette Cocktailbar kaufen. Für den Anfang genügen einige saubere Gläser, Wasser und Papier für Notizen. Entscheidend ist, dass die Ausstattung die Aromen unterstützt und nicht selbst neue Gerüche ins Glas bringt.
- Bauchige Nosing-Gläser oder kleine Grappa- beziehungsweise Weißweingläser
- Etwa 1 bis 2 cl Gin pro Probe
- Stilles Wasser mit neutralem Geschmack
- Neutrales Brot oder ungesalzene Cracker
- Ein Messbecher oder Jigger für gleich große Mengen
- Notizzettel mit Platz für Geruch, Geschmack und Nachklang
- Ein mildes Tonic Water für den späteren Vergleich
- Eiswürfel und passende Garnituren erst für die Tonic-Runde
Spüle die Gläser vorher mit klarem Wasser aus und trockne sie geruchsfrei. Spülmittelreste, Küchendüfte oder stark parfümierte Handcreme können die Wahrnehmung stärker stören, als viele vermuten. Für einen privaten Abend kannst du die Grundausstattung meist mit etwa 20 bis 40 Euro ergänzen, falls Gläser bereits vorhanden sind.
Bei den Flaschen liegen die Kosten deutlich weiter auseinander. Für eine kleine Runde mit fünf Gins sind als grobe Planung 50 bis 150 Euro realistisch, abhängig von Größe, Herkunft und Qualität der Auswahl. Kleine Probierflaschen senken den Preis und vermeiden, dass am Ende mehrere angebrochene Flaschen im Schrank stehen.
So verkostest du jede Probe Schritt für Schritt
1. Anschauen und einschenken
Schenke eine kleine Menge ein und achte zunächst auf die Farbe und Klarheit. Ein klassischer Gin ist meist farblos, während natürliche Zutaten oder eine Fasslagerung einen leichten Farbton hinterlassen können. Das Aussehen verrät allerdings weniger als Nase und Gaumen, deshalb solltest du es nicht überbewerten.
2. Riechen ohne zu überfordern
Halte das Glas zuerst mit etwas Abstand unter die Nase. Ein direktes, tiefes Einatmen kann wegen der Alkoholdämpfe unangenehm sein und die feinen Aromen überdecken. Schwenke das Glas nur leicht und suche nach vertrauten Eindrücken wie Wacholder, Zitrusschale, Pfeffer, Koriander oder Blüten.
Ich notiere zunächst nur zwei oder drei klare Eindrücke. Eine lange Liste vermeintlicher Aromen klingt zwar professionell, hilft aber wenig, wenn sie nicht wirklich wahrnehmbar sind. Auch „frisch“, „trocken“, „warm“ oder „harzig“ sind vollkommen brauchbare Beschreibungen.
3. In kleinen Schlucken probieren
Nimm einen kleinen Schluck und verteile ihn kurz im Mund. Achte darauf, ob der Gin weich, ölig, trocken oder alkoholisch wirkt und wie sich der Geschmack nach dem Schlucken verändert. Dieser letzte Eindruck heißt Abgang und kann von wenigen Sekunden bis zu einer langen, würzigen Nachwirkung reichen.
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4. Neutralisieren und notieren
Zwischen den Proben helfen stilles Wasser und ein kleines Stück Brot. Sehr salzige, saure oder süße Snacks verfälschen dagegen den nächsten Eindruck. Lasse zwischen zwei Gins mindestens zwei bis drei Minuten Pause, besonders wenn die Sorten deutlich unterschiedliche Alkoholstärken haben.
Eine einfache Bewertung mit fünf Punkten reicht aus. Ich trenne dabei gern zwischen pur überzeugend und als Longdrink geeignet, denn ein kräftiger Gin kann pur anstrengend wirken und mit Tonic trotzdem hervorragend funktionieren.
Pur oder mit Tonic verkosten
Die Purprobe zeigt den Charakter des Gins am unverfälschtesten. Tonic Water bringt dagegen Süße, Kohlensäure und Bitterkeit ins Spiel. Deshalb sollte das Tonic erst nach dem ersten Probieren dazukommen, sonst weißt du später nicht mehr, welche Aromen vom Gin und welche vom Filler stammen.
| Variante | Geeignet für | Darauf achten |
|---|---|---|
| Pur | Analyse von Wacholder und Botanicals | Alkohol, Textur, Balance und Abgang |
| Mit neutralem Indian Tonic | Klassische Dry Gins | Verhältnis von Bitterkeit und Wacholder |
| Mit mediterranem Tonic | Kräuterige und zitrische Gins | Frische, Salznoten und aromatische Leichtigkeit |
| Mit floralem oder fruchtigem Tonic | Blumige und fruchtige Gins | Süße, Duft und mögliche Überladung |
Für einen fairen Vergleich verwende ich pro Drink ungefähr 5 cl Gin und 10 bis 15 cl gut gekühltes Tonic. Viel Eis hält das Getränk kalt und reduziert durch langsames Schmelzen die schnelle Verwässerung. Die Garnitur sollte die Botanicals unterstützen, nicht den ganzen Drink überdecken.
Eine Zitronenzeste passt oft besser zu einem trockenen, zitrischen Gin als eine große Auswahl an Früchten. Rosmarin, Gurke oder Beeren können sinnvoll sein, wenn sie bereits im Aromaprofil vorkommen. Eine aufwendige Garnitur ist kein Qualitätsmerkmal, wenn sie nur vom eigentlichen Geschmack ablenkt.
Typische Fehler, die den Abend unnötig erschweren
Der häufigste Fehler ist eine zu große Auswahl. Acht oder zehn Gins klingen nach einem besonderen Erlebnis, überfordern aber viele Gäste. Weniger Proben mit ausreichend Zeit liefern meistens bessere Gespräche und klarere Eindrücke.
Auch stark gekühlter Gin wird oft überschätzt. Kälte dämpft Aromen und kann einen durchschnittlichen Gin zunächst angenehmer erscheinen lassen. Für die Purverkostung genügt Zimmertemperatur, während die Tonic-Drinks gut gekühlt serviert werden dürfen.
Vermeide außerdem ein schweres Menü, stark gewürzte Chips und Süßigkeiten zwischen den Proben. Sie setzen die Geschmacksknospen zurück, aber nicht auf neutrale Weise. Wasser, ungesalzenes Brot und kleine Pausen leisten hier deutlich mehr.
Und ganz praktisch gilt: Niemand muss jede Probe austrinken. Ausspucken oder nur sehr kleine Schlucke zu nehmen, ist bei einer längeren Verkostung völlig legitim. Wer Alkohol trinkt, sollte anschließend nicht fahren und für einen sicheren Heimweg sorgen.
So bleibt die Verkostung auch nach dem letzten Glas interessant
Am Ende lohnt sich eine kurze Favoritenrunde. Jede Person nennt den Gin, der pur am meisten überzeugt hat, den besten Tonic-Partner und die größte Überraschung. Daraus entsteht oft ein viel ehrlicheres Bild als aus einer bloßen Rangliste.
Bewahre die Notizen auf und wiederhole die Verkostung einige Wochen später mit einer anderen Reihenfolge oder einem neuen Tonic. Geschmack verändert sich mit Stimmung, Essen und Vergleichsgruppe. Genau darin liegt für mich der Reiz einer Gin-Verkostung: Sie liefert kein endgültiges Urteil, sondern macht sichtbar, welcher Stil zu welchem Anlass und zu welchem eigenen Geschmack passt.